Coverbild unserer dtv-Ausgabe von Kierkegaard

»Entweder – Oder. Ein Lebensfragment, herausgegeben von Victor Eremita« (1834)

Was wir in dem Lektürekurs machen

Wir lesen Kierkegaard. Einzeln, jede:r für sich. Für alles andere fehlt uns nicht nur die Zeit, es ist auch mehr im Sinne Kierkegaards. Und dann? Dann besprechen wir es. Gemeinsam. Unsere Ausrede vor Kierkegaard? Wir bekommen kein Zertifikat, keine ECTS-Punkte, es gibt keine Expertin, keinen Professor und wir erhalten nichts, das uns Sicherheit gibt, etwas gelernt zu haben.

Und dabei lesen wir das ganze Buch. Das hat zur Folge, dass es manchmal viele Seiten sein werden, die wir lesen (z.B. mal 98). Dazu kommt, dass die (zumindet für mich) manchmal auch noch anspruchsvoll sind. ... Und ich weiß, dass das für einen Kurs, der keine ECTS-Punkt bringt, ein wenig viel Aufwand ist. Trotzdem wirst du, liebe:r Leser:in, wohl schon nach dem Lesen des Vorwort des Herausgebers verstehen, warum es kaum im Sinne der Texte sein kann, entweder A oder B zu lesen. Ich habe gehört, dass es das Tagebuch des Verführers einzeln zu kaufen gibt - für sich... und ich weiß nicht, was diesen Herausgeber dabei geritten hat. ... Naja. ... Ich traue mich das auf jeden Fall nicht. Wir lesen deswegen »Entweder – Oder« als Ganzes. Vielleicht wird es hin und wieder ein wenig mehr Aufwand, aber es wird (imho) auch verdammt schön.

Wie wir dabei vorgehen

Jede Woche nenne ich einen Abschnitt (~ 60 Seiten), den wir versuchen, bis zur kommenden Sitzung zu lesen. Zudem gebe ich in dem Abschnitt immer einen Fokus-Teil (~ 15 Seiten) an, auf den wir uns in der Sitzung konzentrieren werden. Dann kann jede:r die Teilmengen des (gesamten) Abschnittes mitbringen, neben die sie:er im Buch wahlweise ein aufgeregtes Ausrufezeichen, ein verliebtes Herzchen oder ein esoterisch anmutendes Symbol ihrer:seiner Wahl angebracht hat; einfacher ausgedrückt: du darfst und sollst deine Lieblingsstellen mitbringen. Ich werde das auf jeden Fall machen. Die Lieblingsstellen lesen wir dann noch einmal gemeinsam und besprechen sie in der Runde.

Was es mit dieser Webseite auf sich hat

Auf der Webseite versuche ich jede Woche eine einfache Skizze sowie ein paar Zeilen zum jeweiligen Abschnitt hochzuladen. Vielleicht dient es der einen oder dem anderen als Erinnerung, vielleicht als eine andere (mehr oder weniger verwirrende) Perspektive auf Kierkegaard, vielleicht nur zur Belustigung - in jedem Fall, darf man hier vorbeisehen.

Also: Ich freue mich sehr Kierkegaard mit dir lesen zu dürfen. Fragen sind immer gern gesehen; selbst, wenn ich sie wahrscheinlich nicht befriedigend beantworten können werde. Am besten per Mail an kontakt@marcozander.com oder eben in den Sitzungen.


Vorwort & Diapsalmata

Sitzung I
Abschnitt: S. 11 - 55
Fokus: S. 11 - 29
Raum: E 212

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A und B - eine Skizze, zwei Augen

Erster Teil I: Diapsalmata - die zugeflogenen Beobachtungen

Dann beginnen wir also mit der Lektüre einiger Papiere, die deswegen unter dem Titel »Entweder – Oder« zusammgefasst wurden, weil Viktor Eremita meint, dass sich ihnen eine neue Seite abgewinnen lässt, wenn man sie nicht als Entweder-Oder sondern als einem Menschen zugehörig betrachtet.

Alle Wahrscheinlichkeit (und ihre Verbündete die Historie) versichern uns jedoch, dass sie, die nachgelassenen Papiere, zu zwei verschiedenen Menschen gehören: A und B; dem Ästhetiker und dem Ethiker; Don Juan und dem Gerichtsrat.

Eine Ausnahme stellt nur das Tagebuch des Verführers dar. Zu ihm bekennt sich noch nicht mal A vollkommen, stattdessen distanziert er sich; will uns glauben machen, dass er sebst nur Herausgeber ist. ... Doch dazu kommen wir später. Das Tagebuch des Verführers wird Erster Teil VIII; zunächst steigen wir mit den Diapsalmata (Erster Teil I) in As Welt ein:

"Was ist ein Dichter?", fragen wir. Und erhalten als Antwort: "Ein unglücklicher Mensch, der tiefe Qualen in seinem Herzen birgt, dessen Lippen aber so geformt sind, daß, indem der Seufzer und der Schrei über sie ausströmen, sie klingen wie eine schöne Musik."

Vergiss nicht deine Lieblingsstellen zu unserer Sitzung mitzubringen.


Nichtssagende Headline

Sitzung II
Abschnitt: S. 57 - 125
Fokus: S. 57 - 62, 70 - 74, evtl. 97 - 98
Raum: E 212

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Metamorphose

Erster Teil II: Fast das gesamte Musikalisch-Erotische

Womit beschäftigt sich so ein Ästhetiker wie A? Nun ... mit Don Juan, mit den unmittelbar erotischen Stadien. Einige Seiten (S. 62 - 70) fragen wir, was Mozarts Don Juan zum ersten unter allen klassischen Werken macht, nur um die Gedanken dann zu verwerfen: "Sie [die Untersuchung] ist nur für Verliebte geschrieben." (S. 70), womit wir uns eigentlich beschäftigen sollten, ist was das Werk überhaupt zu einem klassischen Werk macht. Doch, obwohl es leicht fällt, es zu beweisen, setzen wir es einfach als gegeben voraus, betrachten das Werk so, betrachten die drei unmittelbar erotischen Stadien:

"Wie das Leben einer Pflanze an das Erdreich gebunden ist, so ist das erste Stadium in substantieller Sehnsucht gefesselt." (S. 97) Danach erwacht die zuvor träumende Begierde, wird zur suchenden. "[D]ie Sehnsucht reißt sich aus dem Erdreich los und begibt sich auf Wanderschaft, die Blume bekommt Flügel und flattert unstet und unermüdlich hin und her. [... Hier] geht die Begierde auf Entdeckung aus. Diese Entdeckerlust ist das Pulsierende in ihr, ist ihre Heiterkeit. Den eigentlichen Gegenstand dieser Entdeckung findet sie nicht, aber sie entdeckt das Mannigfaltige, indem sie darin den Gegenstand sucht, den sie entdecken möchte." (S. 97 ff.) Die suchende Begierde ist [allerdings] noch nicht begehrend, sie sucht nur das, was sie begehren kann, begehrt es aber nicht. Daher wird am bezeichnendsten für sie vielleicht das Prädikat sein: sie entdeckt. Vergleichen wir also Papageno mit Don Juan, so ist dessen Reise durch die Welt etwas mehr als eine Entdeckungsreise, sondern ist ein Ritter, der auf Siege ausgeht (veni - vidi - vici). Entdeckung und Sieg sind hier identisch; [...]" (S. 98)


Don Juan

Sitzung III
Diskussion: S. 125 - 196
Fokus: S. 180 - 196
Raum: E 212

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Ein Pfeil , wie der von Epaminondas

Erster Teil II (M-A) cont'd & Erster Teil III: der Reflex des antiken Tragischen in dem modernen Tragischen

Vom Musikalisch-Erotischen kommen wir nun zum Tragischen. Don Juan - wissen wir nun - ist unmittelbares Leben (S. 151), er schmiedet nicht Ränke, er ist kein reflektierter Verführer: "Er begehrt, und diese Begierde wirkt verführend; " (S. 119) am Grunde seiner Seele liegt substantielle Angst, aber diese Angst ist "nicht Verzweiflung, [...] es ist die ganze Macht der Sinnlichkeit, [... sie] ist eben die dämonische Lebenslust." (S. 157) Mir scheint es, von dieser dämonischen Lebenslust zehrt Don Juan, sie gibt ihm Bedeutung.

In erster Teil III begeben wir uns nun auf den Grund der Seele eines anderen Individuums ... von Antigone, As Antigone. Sie lebt, ihr Vater ist tot. Hat ihr Vater gewusst, dass ihre Mutter auch seine ist? Sie weiß es nicht. Nach seinem Tod ist sie also allein; allein mit ihrem Geheimnis. Woher sie es weiß, erfahren wir nicht. Es ist auch nicht von Bedeutung. Was zählt ist nur, dass sie es weiß - und, dass sie es in sich verbirgt, tief in sich verbirgt. Dort trägt sie es mit Stolz, mit jedem Tag sinkt es "tiefer und tiefer in ihre Seele hinab, immer unzugänglicher für jedes lebende Wesen." (S. 187) So wächst die Trauer, so wächst der Schmerz, so gewinnt Antigone Tiefe. Und Antigone lebt mit ihrem Geheimnis, "ist im Begriff, ganz geistig leben zu wollen" (S. 193). Das ist allerdings "etwas, [das] die Natur nicht duldet." (S. 193) Und so verliebt sie sich - und je leidenschaftlicher sie liebt, desto drängender stellt sich die Frage: Wird sie sich ihrem Geliebten anvertrauen? Wird er ihr ihr Geheimnis entreißen?


Schattenrisse

Sitzung IV
Diskussion: 197 - 254
Fokus: S. 197 - 209, 242 - 254
Raum: E 212

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Schattenriss von Gretchen

Erster Teil IV: Psychologischer Zeitvertreib - Schattenrisse ❤︎

Die Trauer, die reflektierte Trauer wollen wir schauen ... lasst sie uns ... lasst sie uns "Nahrungssorge nennen; denn des Menschen Leben besteht ja doch nicht allein im Essen und Trinken, auch die Seele verlangt ihren Unterhalt." (S. 238) Nur jene Trauer lieben wir, nur sie suchen wir auf, und überall, wo wir ihre Spur entdecken, da gehen wir ihr nach, unerschrocken, unerschütterlich, bis sie sich offenbart. (vgl. S. 206) "Wie?" magst du fragen, liebe Leserin, lieber Leser.

Wie folgt gehen wir vor: Drei Frauen heben wir auf ein Podest, was sie eint, ist die Trauer:

Wir beleuchten sie: hinter ihnen, wie eine Leinwand, ein weißes Blatt Papier. ... Äußerlich reglos sitzen sie da, im Inneren haust die Trauer: "[w]ie das Pendel der Uhr, [...] gleich einer wohlverwahrten Gefangenen in einem unterirdischen Kerker" (S. 202): hin und her schleicht sie, hin und her trabt sie. Hinter ihrem beleuchteten Körper: die schwarze Fläche. ... Nun nehmen wir einen Stift zur Hand, beginnen die Umrisse nachzufahren. Wir schattieren: zeichnen Farbe durch Hell und Dunkel ein. Immer dunkler wird das weiße Stück Papier, bis wir zufrieden sind, dann schneiden wir unser Motiv aus; halten ihn in unseren Händen: den Schattenriss.

Dunkel liegt er nun in unserer Hand, ein neuerliches Äußeres: Und noch immer können wir uns keine eigentliche Vorstellung von ihm machen, erst wenn wir ihn jetzt wieder vor hellem Hintergrund betrachten, entdecken wir ihn als inneres Bild, "zu fein [...], um äußerlich sichtbar zu werden, [...] aus den sanftesten Stimmungen der Seele gewoben" (S. 205) - so wie A ihn uns zeigen will.

* "Calvigo hat sich mit ihr verlobt, Calvigo hat sie verlassen." (S. 209)
** Die Nonne aus der von uns viel besprochenen Oper - "Sie hat alles verloren, den Himmel, als sie die Welt gewählt, die Welt, als sie Don Juan verloren hat." (S. 231)
*** Goethes Gretchen - "Halb Kinderspiel, halb Gott im Herzen."
Werter Leser, werte Leserin ... ich entschuldige mich für die Länge dieser Passage zu den Schattenrissen ... sie ist noch viel zu kurz geraten, ein ganzes Buch hätte ich nur darüber schreiben sollen.


Wer ist der Glücklichste?

Sitzung V
Diskussion: 255 - 327
Fokus: S. 255 - 270
Raum: Englischer Garten

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Ein Grab

Erster Teil V & VI: Der:die Unglücklichste & die erste Liebe

Vor einem leeren Grab, mit Hegels Schreckgespenst, dem unglücklichen Bewusstsein, beginnen wir unsere Suche nach dem:der Unglücklichsten, der unglücklichsten Individualität.

Was erfahren wir über sie? Sie ist diejenige, die ihr Ideal, ihren Lebensinhalt, die Fülle ihres Bewusstseins, ihr eigentliches Wesen außer sich hat. (vgl. S. 259) "Allein sich selbst überlassen, steht [sie] in der weiten Welt, [sie] hat keine Gegenwart, an die [sie] anknüpfen, keine Vergangenheit, nach der [sie] sich sehnen kann, denn [ihre] Vergangenheit ist noch nicht gekommen, keine Zukunft, auf die [sie] hoffen kann, denn [ihre] Zukunft ist schon vorüber. [... Sie] kann nicht alt werden, denn [sie] ist nie jung gewesen; [sie] kann nicht jung bleiben, denn [sie] ist schon alt geworden; [sie] kann gewissermaßen nicht sterben, denn [sie] hat ja nicht gelebt; [sie] kann gewissermaßen nicht leben, denn [sie] ist ja schon gestorben; [sie] kann nicht lieben, denn die Liebe ist immer präsentisch, und [sie] hat keine gegenwärtige Zeit, keine zukünftige, keine vergangene, und doch ist [sie] eine sympathetische Natur, und [sie] haßt die Welt, nur weil [sie] sie liebt;" (S. 264) nicht, dass unsereins das kennen würde, liebe Leserin, lieber Leser, doch kennten wir es, hätte diese, unsere Individualität, dasjenige, was sie, jetzt wo sie es hat, unglücklich macht, weil es gerade das ist, was sie vor einigen Jahren glücklich gemacht haben würde, falls sie es gehabt hätte, während sie unglücklich wurde, weil sie es nicht hatte. (vgl. S. 263)

So viel also zum:zur Unglücklichsten. In aller Unzulänglichkeit. Im ersten Teil VI erfahren wir dann noch etwas über Anlässe, über den Anlass von As Text über Scribes Die erste Liebe, ebenso wie über As erste Liebe, wenn ich mich recht erinnere, nichts über den Anlass dieser Liebe.


Wechselwirtschaft der Langeweile

Sitzung VI
Diskussion: 329 - 388
Fokus: 338 - 346, 354 - 355, 364 - 368
Raum: E 212

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Seiltänzer über dem Abgrund der Langeweile

Erster Teil VII + VIII: Von der Wechselwirtschaft der Langeweile bis hin zum Tagebuch des Verführers

"Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile, und – und das ist der Humor davon – alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken, warum ..." ... das ... das war nicht Kierkegaard, nicht Victor Eremita, nicht A, nicht B - das war Büchner. Doch es passt ganz gut zum ersten Teil VII; in ihm geht es um die Langeweile - die Wechselwirtschaft der Langweile. "Von einem Grundsatz auszugehen, behaupten erfahrene Leute, soll sehr verständig sein; ich tue ihnen den Willen und gehe von dem Grundsatz aus, daß alle Menschen langweilig sind." (S. 331) Immer mehr Menschen bedeuten immer mehr Langeweile und produzieren aus Langeweile noch mehr Menschen. Und einmal in dem Teufelskreis gefangen, kommt man kaum hinaus. Was ein Glück, dass wir A haben, der uns verrät, was zu tun ist: Es gilt zu wechselwirtschaften, es gilt den unendlichen Abgrund der Langeweile auf wechselnde Weisen zu bewirtschaften: nicht sich exzentrisch zu zerstreuen, schon gleich dreimal nicht sich durch Arbeit immerzu von der Langeweile abzulenken, sondern sich erfinderisch zu unterhalten, sich poetisch zu erinnern und still Angenehmes wie Unangenehmes zu vergessen.

Es folgt ... es folgt das Tagebuch des Verführers, die fortlaufenden Aufzeichnungen: "seine fortlaufende Leidenschaft ist die für das junge frische Mädchen" (S. 979).


Das Tagebuch des Verführers - Worum es geht?

Sitzung VII
Diskussion: 388 - 448
Fokus: 434 - 448
Raum: E 212

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Eine Stadt im Mond, weil ich nachempfinden kann, dass Johann zumindest bei Nacht ein Don Juan sein mag.

Erster Teil VIII: Das Tagebuch des Verführers

So leicht es mir fiel, über das Vorwort, die nichtssagenden Einleitung oder auch die Diapsalmata zu schreiben, so unschlüssig bin ich, was und wie ich zum Tagebuch des Verführers schreiben soll. Die Geschichte? Bitte. Sie ist schnell erzählt:

Ein Mädchen, Cordelia, wird verführt, eine Verlobung mit Johann zunächst einzugehen; und weiter, sie selbst wieder aufzulösen: denn die Liebe der beiden braucht doch diese äußeren Bände nicht (vgl. 497).

Darum geht es aber nicht. Es weist uns ja bereits A, diesmal als Herausgeber fungierend, darauf hin: „Sein Tagebuch ist darum [weil sein Leben ein Versuch gewesen war, die Aufgabe eines poetischen Lebens zu realisieren] nicht historisch genau oder einfach erzählend, nicht indikativisch, sondern konjunktivisch [zu lesen?].“ (S. 353) Worum geht es aber dann? Vielleicht sind meine Augen zu sehr vom Konkreten geblendet, sodass meine Ohren sich keinen Reim auf die Wahrheit machen können, die sich vermutlich auch darin verlautbart, aber ich kann diese Papiere den anderen Papieren im ersten Teil einfach nicht heranempfinden. Soll Johann ein Verführer, ein Don Juan sein? Bei Nacht vielleicht („Fast beschäftigt mich Cordelia allzu sehr. Ich verliere mein Gleichgewicht, nicht ihr gegenüber, wenn sie dabei ist, sondern wenn ich in strengstem Sinne mit ihr allein bin. Ich kann mich nach ihr sehnen, nicht um mit ihr zu sprechen, sondern nur um ihr Bild an mir vorüberschweben zu lassen; ich kann ihr nachschleichen, wenn ich weiß, daß sie ausgegangen ist, nicht um gesehen zu werden, sondern um zu sehen.“ (S. 421)), aber ist er tagsüber nicht zu reflektiert?


Das Tagebuch des Verführers - Wie es endet

Sitzung VIII
Diskussion: S. 448 - 521
Fokus: S. 512 - 521
Raum: Geschwister-Scholl-Platz

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Jemand verschwindet

Erster Teil VIII: Das Tagebuch des Verführers ii

„Was liebt [die] Liebe? — ein Gehege; war nicht selbst das Paradies ein eingehegter Ort, ein Garten ohne Morgen? Doch er schließt sich zu eng um einen, dieser Ring — man tritt noch näher ans Fenster, ein stiller See verbirgt sich demütig zwischen der höheren Umgebung — am Ufer liegt ein Boot.“ (S. 518 ff.)

...

Hinter jedem Baum hatte sie, Cordelia, sich versteckt (vgl. S. 466), jetzt machen wir einen Schritt aus dem Wald; ein Fluß hatte sich in sie verliebt, er hat sie ihr Bild sehen lassen (vgl. S. 475) — jetzt hat er sie ertränkt.

Was haben wir gesehen? Einen Mann vielleicht, einen Verführer, vielleicht jemanden, für den die Wirklichkeit zu leicht gewesen war; jemand der Zuhause ist in einem Bühnenstück, in einer Welt der Mythen, die hinter unserer Welt liegt, in der alles voll von unausgesprochener, vielleicht unaussprechlicher Bedeutung ist … und verliert die Wirklichkeit jenes Inzitament … verschwindet er … zurück ins Bühnenstück.* „Ich wünsche mich nicht an mein Verhältnis zu ihr erinnern“ (S. 521), schreibt Johann.

...

„Was liebt [die] Liebe? — Unendlichkeit. — Was fürchtet [die] Liebe? — Grenze.“ (S. 519)

* Das ist wohl nicht meine Meinung, der Herausgeber, A, legt es jedoch nahe (siehe S. 354 ff.).


Gültigkeit der Ehe - B tritt auf

Sitzung IX
Diskussion: S. 525 - 607
Fokus: S. 525 - 540
Raum: E 212

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Ein Brief von B für A

Zweiter Teil I: B sorgt sich um A

Ein Brief von B. Der Adressat: A. Darin der Versuch jenes diesem zum einen „die ästhetische Bedeutung der Ehe darzutun“, zum anderen „zu zeigen, wie das Ästhetische darin sich trotz der mannigfaltigen Hindernisse des Lebens bewahren lasse.“ (S. 529) Immer wieder nimmt er darin auf As Papiere Bezug.

In diesem Brief stellt B uns A weiter als immer willkommenen Gast (vgl. S 703), als Lotsen, der mit großer Bereitwilligkeit und Kenntnis, das Schiff auf Grund setzt (vgl. S. 577), als Verlaufenen im poetischen Reich hypochondrischer Scharfsichtigkeit (vgl. S. 674, 535), vor allem aber als seinen Freund, als seinen geliebten Freund, um den er sich sorgt und den er für seine Leidenschaft* schätzt, vor (vgl. S. 526). Seine erste Aufgabe besteht dann darin, sich selbst, vor allem aber А "in den Bestimmungen dessen, was eine Ehe ist, zu orientieren"; in den Bestimmungen dessen, was über die "bloße Befriedigung sinnlicher Lust" oder über "eine Partnerschaft zur Erreichung irgendeines Zweckes" hinausgeht (S. 557 ff.), ihn hinsichtlich des Religiösen und des Ethischen zu orientieren (vgl. S. 625), hinsichtlich der Liebe also - hinsichtlich der wahren Liebe, die nicht nur erobert, sondern gewissermaßen beständig erobert, das ist: besitzt (vgl. S. 675 ff.).

* Vielleicht ist es eine jener großen Leidenschaften, die einsam sind und die in die Wüste zu bringen, heißt, sie ihrem Reich zurückzugeben (vgl. 524). Man weiß es nicht.


Gültigkeit der Ehe - die Ästhetik der inneren Geschichte

Sitzung X
Diskussion: S. 605 - 703
Fokus: 614 - 615, 633 - 636, 643 - 645, 679 - 681, 688 - 689
Raum: E 212

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Zwei Sonnenblumen vor einem Haus

Zweiter Teil I: Äußere vs. innere Geschichte

Weiter richtet sich B an A. A, dessen Einstellung zum Leben sich auch in seiner Einstellung zur Ehe widerspiegelt, lebt in der Illusion, nichts auszurichten (vgl. S. 614); das sagt B nicht etwa, weil er selbst „ein großes Werk zu vollbringen“ meint, sondern weil er ihm aufzeigen will, dass es sich vielmehr lohne, selbst sein geringes nicht zu verschmähen, es kontinuierlich zu verfolgen (S. 624).

A flattert von jungem Mädchen zu jungem Mädchen, will ein Geheimnis in sie setzen, das in ihrem Inneren schwingt wie das Pendel eine Uhr, immer in Bewegung; B ist Ehemann. Vor seiner Frau hat er keine Geheimnisse (vgl. S 659) und doch teilen die beiden etwas Verborgenes (vgl. S. 643). Sie hat nicht die schönste Nase, doch ist sie diejenige, die er liebt, die er immer lieben will (vgl. S. 530). Bei A dreht sich alles um die mannigfaltigen Momente, die äußere Geschichte; bei B um das mannigfaltige Warum eines Bundes (vgl. S. 625). As äußere Geschichten sind ästhetisch und lassen sich gut auf einen Moment konzentrieren … und deswegen sind sie Gegenstand der Kunst und Poesie; die innere Geschichte Bs aber ist nicht weniger ästhetisch. Sein tagtägliches Tragen des Kreuzes, das innere Blühen einer solchen Individualität gewinnt die innere Geschichte jedoch durch die Sukzession und ist nur deswegen nicht Gegenstand von Kunst und Poesie, weil sie sich kaum auf einen Moment herunterbrechen lässt, nicht weil sie weniger ästhetisch wäre (vgl. S. 679 ff.).


Gleichgewicht - Entweder - Oder

Sitzung XI
Diskussion: S. 704 - 774
Fokus: S. 704 - 713, 762 - 765
Raum: E 212

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Ein karger Baum mit ein paar wenigen Früchten und einige Schneeflocken

Zweiter Teil II: Das Gleichgewicht zwischen dem Ästhetischen und dem Ethischen in der Herausarbeitung der Persönlichkeit i

„Wer sich […] nicht offenbaren kann,“ wer beständig nur ums Dasein tanzt, wem das Leben eine einzige Maskerade ist, in dessen Leere er:sie seiner:ihrer Seele im besten Falle noch einen wehmütigen Ton abringen kann, „der kann nicht lieben […].“ (S. 706 ff.) Deswegen wünscht B A „eiserne Schellen“, die ihn dazu zwingen, ans Licht kommen zu lassen, was in ihm steckt (S. 706).

A hat ein entweder - oder, B ein Entweder - Oder. „Heirate, du wirst es bereuen; heirate nicht, du wirst es auch bereuen; heirate oder heirate nicht, du wirst beides bereuen; entweder du heiratest oder du heiratest ich, du bereust beides.“ (S. 49) schreibt A; B steht vor einer Wahl: im Großen wie im Kleinen; immerzu, jeden Tag aufs Neue wählt er sein Zentrum, seine Persönlichkeit zur Reife zu bringen. (S. 709)

Ja, das ist der Text zu dieser Sitzung. Ich bin mir nicht sicher, ob B A versteht. Wie sollte er auch? Aber tut es etwas zur Sache? Was würde man einem gesunden, reinen, frühen, geistig begabten und an Hoffnung reichen jungen Menschen raten? Spricht das nicht für sich? In unserer letzten Sitzung diskutierten wir: Wünscht A, wie B es ihm andichtet, insgeheim etwas auszurichten (vgl. S. 615)? Auf S. 32 ist vielleicht ein Hinweis darauf: „Mut habe ich zu zweifeln, ich glaube an allem; ich habe Mut zu kämpfen, ich glaube mit allem; aber ich habe nicht den Mut, etwas zu erkennen; nicht den Mut, etwas zu besitzen, etwas zu eigen zu haben.“ Vielleicht aber auch nicht - als ob man A verstehen könnte, als ob ich das könnte.


Gleichgewicht - Kontinuität & Isolation

Sitzung XII
Diskussion: S. 774 - 844
Fokus: S. 774 - 782, 821 - 823
Raum: E 212

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Vier Blumen in Häusern, einige Wurzeln, die das alles verbunden.

Zweiter Teil II: Das Gleichgewicht zwischen dem Ästhetischen und dem Ethischen in der Herausarbeitung der Persönlichkeit ii

„Verzweifle!“ ruft B A zu. „Auf dass Dich dein Leichtsinn nicht mehr zwinge, als unsteter Geist […] zwischen den Trümmern einer Welt, die doch für Dich verloren ist, umherzuwandern; verzweifle!, und Dein Geist wird nie mehr in Schwermut seufzen, denn die Welt wird Dir wieder schön und erfreulich werden, obgleich Du sie mit andern Augen ansiehst als zuvor.“ ((vgl.*) S. 777 ff.)

Was Verzweiflung ist, darüber haben wir in der letzten Sitzung bereits gesprochen: „Zweifel ist die Verzweiflung des Gedanken, Verzweiflung ist der Zweifel der Persönlichkeit“ (S. 769). Wodurch diese Verzweiflung bei B nun aber hervorgerufen wird, verstehe ich (noch) nicht. Vielleicht liege ich mit der folgenden Vermutung aber auch zumindest nicht ganz falsch: Durch die Wahl von mir selbst; dadurch, dass in der tiefsten Isolation die Wurzel gefunden wird, durch die das Individuum mit dem Ganzen zusammenhängt (vgl. S. 774, 782). Und während das ethische Individuum seine Aufgabe nun also in sich findet und sie in seiner Kontinuität realisiert, erwartet das ästhetische Nichts alles von außen (vgl. 817).

* Dieser Absatz ist ungenau zitiert, da die Anführungszeichen hier direkte Rede und nicht ein direktes Zitat umschließen. Trotzdem ist der Text sehr nah an dem der verwendeten Ausgabe.

Für diejenigen, die Kleingedrucktes lesen, gibt es sogar noch einen weiteren Satz, der vielleicht ein wenig Licht ins Dunkel des ich selbst bringt: „Das Mehr, das also in der Stimmung nicht aufgehen will, das eben ist die Kontinuierlichkeit, die ihm das Höchste ist.“ (S. 791)


Gleichgewicht - deine Pflicht

Sitzung XIII
Diskussion: S. 844 - 914
Fokus: S. 844 - 846, 869 - 874, 907 - 913
Raum: E 212

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Jemand kämpft sich durchs Wasser

Zweiter Teil II: Das Gleichgewicht zwischen dem Ästhetischen und dem Ethischen in der Herausarbeitung der Persönlichkeit iii

Inwiefern das Selbst, das das Individuum wählen soll, bei B nicht nur ein persönliches, sondern auch ein soziales, bürgerliches ist; wird vielleicht besonders an den folgenden Zeilen verständlich: „Ich sage von einem Menschen nie: er tut die Pflicht oder die Pflichten, sondern ich sage: er tut seine Pflicht, ich sage: ich tue meine Pflicht, tue du die deine. Das zeigt, dass das Individuum zugleich das Allgemeine und das Einzelne ist.“ (S. 831) Und so ist es die Aufgabe jedes einzelnen Menschen, „das Allgemein-Menschliche in seinem individuellen Leben auszudrücken“ (S. 909); all die Zufälligkeiten, die A alles sind, streift auch das ethische Individuum nicht ab, es veredelt sie, indem es sie wählt — indem es sie wählt aber, werden sie ihm wesentlich (vgl. 827 ff.): indem die talentierte Skulpteurin ihr Talent zum Beruf macht, führt sie sich und ihr Leben dem Allgemeinen zu — das Selbst öffnet sich und arbeitet sich so von sich selbst weg, durch die Welt und in sich selbst zurück (vgl. 844).


Ultimatum

Sitzung XIV
Diskussion: S. 914 - 933
Fokus: S. 914 - 933
Raum: E 212

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Ein Gesicht

Zweiter Teil II: Das Ultimatum

Und nun … kommen wir zum Ende. Zum Ende unseres Buches und zum Ende des zweiten Teils. Der eine oder die andere mag sich noch an das Ende des ersten Teils erinnern: Johanns Tagebuch. Am Ende des zweiten Teils steht die Predigt eines Pfarrers und Freundes von B und mir geht es damit ähnlich wie mit jenem Tagebuch am Ende des ersten Teils; selbst, wenn mein Widerwillen diesmal anderer Natur ist. Vielleicht kann ich hier guten Gewissens sagen: „Liebe Leserin, lieber Leser, ich hoffe du kommst zu eben jener Einsicht, die in der Predigt des Pfarrers für dich bereitsteht; nimm sie, auf dass sie dir erbaulich, ja heilsam sei und vergiss sie nicht.“; vielleicht lässt sich diese Predigt ebenso wie die Handlung in Johanns Tagebuch kurz zusammenfassen: Liebe Gott und du wirst erkennen, dass auf der Welt kein Unrecht geschieht.

Ja, jeder Beobachterin, jedem Beobachter - gerade so einem scharfsinnigen wie A - zeigt sich deutlich, auf der Welt wird (einem) Unrecht getan, diese Erkenntnis lässt sich kaum leugnen; im endlichen Verhältnis zwingt sich einem diese geradezu auf. Zur Gewissheit jedoch, dass Gott recht hat, mit allem was geschieht, wird man nicht gezwungen, sie lässt sich im unendlichen Verhältnis frei aus der Liebe zu ihm:ihr ziehen.

Zumindest besagter Pfarrer und B scheinen zu hoffen, dass die Leserin, der Leser am Grunde ihrer:seiner Seele diese Erkenntnis finden wird; vielleicht meinen sie sogar zu wissen, dass sie dort auf sie:ihn, ebenso wie auf A, wartet ... oder besser: lauert.

Nicht vorenthalten will ich das Ende des Buches. Am besten gefällt mir das Ende allerdings, wie Kierkegaard es in einen Tagebucheintrag einfließen lässt: „Wenn ich ‚Entweder — Oder‘ mit dem Satz enden lasse: daß nur die Wahrheit, die erbaut, Wahrheit für einen sei, so gibt es leider wohl nur wenige, die die Anschauung erkennen, die darin zum Ausdruck kommt. In der griechischen Philosophie ist das Kriterium sehr umstritten worden […]; es wäre recht interessant, diese Angelegenheit weiter zu verfolgen. Ich bezweifle indessen sehr, daß man einen konkreten Ausdruck finden wird. Die Leute glauben vermutlich, jene Worte stünden in ‚Entweder — Oder‘ als irgendein Ausdruck, es hätte auch ein anderer Ausdruck gebraucht werden können. Die Worte sind ja nicht einmal gesperrt gedruckt, — Herrgott, dann ist vermutlich nicht groß was dran.“ (S. 1025)


Literaturverzeichnis

Sören Kierkegaard. (1843).
Enten – Eller. Et Livs-Fragment, udgivet af Victor Eremita.

Übersetzung: Heinrich Fauteck; Herausgeber: Hermann Diem, Walter Rest. (2005; 12. Auflage 2014).
Entweder – Oder. Ein Lebensfragment, herausgegeben von Victor Eremita.
Deutscher Taschenbuch Verlag: München.

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